Samstag, 22. Dezember 2012


Hallo liebe Menschen,...

Dieser Blogeintrag ist, gelinde gesagt, ein Meilenstein. Nicht etwa, weil jetzt ein rhethorisches Feuerwerk folgen würde, gespickt mit spannenden und faszinierenden Erlebnissen, ein umfassendes Spiegelbild der Realität darstellend und versehen mit druckreifen Bildern. Also, zumindest nicht in erster Linie. Hehe.

Nein, dieser Text ist das Produkt eines lange herausgezögerten Schrittes. Die Zusammenfassung meines Alltags für andere Menschen.
Ich gebe ja zu, die Erwartungen habe ich selbst zu hoch geschürt, nachdem ich direkt nach Ankunft in Kuala Lumpur (vor etwa fünf Monaten) einen Roman hochgeladen habe. Ach, was war das doch einfach damals. Wie Urlaub. Erlebnisse des Tages zusammenfassen, ein bisschen Emotion rein, hochladen, fertig ist der Blogeintrag. Diese Summenformel aber geht bei langen Prozessen nicht auf; bei Vorgängen, die sich erst entwickeln, die noch kein Fazit erlauben und bei denen man Gefahr läuft, sie unvollständig und verfälscht widerzugeben, so man noch keinen Überblick über sie hat. Das sind dann so Dinge wie meine Arbeit, mein Wohnort oder die Mentalitäten der Menschen. Sowas wie: "Die Arbeit ist ganz gut, hier gibts sogar nen Strand und die Leute sind suuuuuupifreundlich", wie es ja hier oder da zu lesen steht, wollte ich euch Lesern ersparen. Dann lieber Sendepause, bis was vernünftiges da ist.

Um nun, fast ein halbes Jahr nach meiner Ankunft, einen Einstieg zu finden, hab isch mir wat janz besondres ausjedacht. Chronologie war einmal (was für ein Satz), wir beginnen Querschnittsmäßig mit dem JETZT.


Gerade sitze ich vor meinem Computer, hin und wieder klackern die Tasten. Man hört das konstante brummen des Deckenventilators in meiner kleinen Wohnung, die seit wenigen Tagen tatsächlich nur noch mich beherbergt, nachdem mein bisheriger Mitbewohner und -arbeiter nach Deutschland zurückgekehrt ist. Die Klimanalage habe ich nicht angeschaltet, Temperaturen unterhalb der magischen 28° Grenze lassen mich frieren. Ein schönes großes Zimmer mit Fliesenboden bewohne ich, ein Bad mit echtem WC und warmer Dusche gehört dazu, was ich als großen Luxus empfinde. Das 8-teilige Milchglasfenster direkt vor mir gibt den Blick frei auf eine mit Glasscherben gespickte Mauer. Dahinter erahnt man die Straße, die Lebuhraya Babington. "Lebuhraya" heißt eigentlich "Highway", also Schnellstraße, aber das trifft auf unsere kaum fünf Meter breite und 200 Meter lange Sackgasse eher weniger zu. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sieht man große Häuser; das, und die Tatsache, dass es überall grünt,  deutet daraufhin, dass wir uns an einem wohlhabenden Ort befinden. 


Besagter Blick
Genug dazu. Verließe ich nun mein Zimmer und ginge die Treppe ins Erdgeschoss hinunter, wäre ich sofort bei meiner Arbeit. Im doppelten Wortsinne, denn der Ort an sich ist meine Arbeitsstelle, aber auch durch den Kontakt mit den Behinderten, der andauernd erfolgt, wäre ich sofort im arbeiten begriffen. Ein paar Beispiele für Dinge dich tun würde, ginge ich jetzt hinunter. (Nach Feierabend!)

- Im  Computerraum zwei "Residents" (Bewohner) beim facebooken zuschaun und helfen
- Auf dem Weg in die Küche sicherlich 10-15 High-Fives an Residents verteilen
- Später amateurhafte indische Serien zusammen mit den Behinderten im TV ansehen
-...

Man sieht, das Behindertenheim "Penang Cheshire Home" ist nicht nur meine Arbeitsstelle, sondern auch mein Umfeld. Ich wohne, esse und LEBE hier.  Auf der einen Seite ist es sehr positiv, dass ich hier wohne, da ich mich zu 100% mit dem Heim identifiziere, aber es gibt auch Nachteile. Der größte ist sicherlich, dass man kaum Kontakte außerhalb der Arbeit findet, anders als in einer Gastfamilie. Aber gut. Dafür bin ich hier sehr frei...

Man mag sich jetzt fragen, was so ein 18-jähriger Jungspund eigentlich in so einem Heim machen kann; was für Arbeit er verrichtet und ob er überhaupt bei etwas hilft. Nun, da gibt es eine ganze Menge. Angefangen von Englisch / Musikunterricht über Aerobicübungen, Mithilfe in unsere Behindertenwerkstatt,Verkauf dieser Produkte, Reparaturarbeiten, Malerarbeiten usw. bis zu Begleitung der Behinderten zu "Functions", meistens Einladungen zum Essen -  man sieht, es ist ein großes Tätigkeitsfeld abgedeckt. Unten ein paar Impressionen und ein Video, welches mich und drei Behinderte bei einer selbst erdachten Performance mit dem Namen "I AM ABLE" am jährlichen Spendentag zeigt.
Music class...

Mit den Residents sozialisieren; für sie da sein...

Straßenmarkierungen malen...


Leider hat sich meine billige Gitarre während des spielens etwas verstimmt...

Ich habe eindeutig nicht zu wenig zu tun. Meine Arbeitszeiten sind auch recht streng geregelt; Urlaub muss ich immer beantragen, da das Heim nie seine Pforten schließt, und bei 20 Urlaubstagen im Jahr muss man da natürlich sehr genau wählen. Das erhoffte herumreisen in Südostasien, was gerade jetzt die Beschäftigung der anderen Freiwilligen ist, wird dadurch natürlich nur sehr eingeschränkt möglich. Trotz alledem bin ich bis jetzt zufrieden. Ich kann sinnvoll arbeiten, bekomme Verantwortung und Vertrauen, in vielen Dingen in ich frei und kann kreativ sein (so gestalte ich jetzt das Jahrbuch des Heims) und die Behindertenarbeit wird zur Routine. Was will man mehr?

Trotzdem muss ich natürlich auch mal aus der Arbeit rauskommen können. Wie schon gesagt, in Penang habe ich kaum Kontakte zu lokalen jungen Menschen, weswegen ich mich hauptsächlich mit den anderen beiden deutschen Freiwilligen treffe, wenn Wochenende ist. Oft gehe ich auch alleine los und sehe mir die Stadt an; probiere etwas neues zu essen oder gehe etwas einkaufen. Etwas ganz anderes hingegen habe ich erlebt, als ich über das indische Fest "Deepavali" in der Stadt Ipoh in einer Gastfamilie untergebracht war. Endlich konnte ich die Kultur und lokale Menschen kennenlernen! Eine wunderbare Erfahrung, zumal ich noch immer Kontakt zu einigen Leuten dort habe. Weihnachten werde ich dieses Jahr beispielsweise bei einer Familie in Kuala Lumpur verbringen, die ich in dieser einen Wochen kennengelernt habe.

Meine indische Gastfamilie in Ipoh
Was sollte man sonst noch berichten? Generell finde ich es hier hochinteressant, wie die drei Kulturen (Malaiien, Inder und Chinesen), die in Penang sogar mehr oder weniger zahlenmäßig gleichmäßig verteilt sind, miteinander auskommen und sich als gebürtige Malaysier sehen sowie sich doch oft mit ihrem Land identifizieren. Natürlich gibt es Benachteiligungen von bestimmten Gruppen gegenüber den anderen, besonders auch ausgehend von dem muslimischen Teil der Bevölkerung, aber trotzdem ist ein friedliches Zusammenleben nicht abstreitbar und auch nicht mehr aus der malaysischen (!) Kultur wegzudenken. Wer Multikulti für gescheitert hält, der sollte mal Malaysia besuchen. Die einzelnen Kulturen bewahren ihre Sprachen, ihre Werte und grenzen sich auch ab; aber weil man in der Schule, in der Arbeit oder auch mal im Restaurant gezwungen ist, sich mit anderen Kulturen auseinanderzusetzen, gibt es einfach auch viele Gemeinsamkeiten, die neben den Unterschieden friedlich existieren. Einen teh tarik (Tee) bekommt man in jedem Restaurant, und mit bahasa melayu oder Englisch kommt man immer durch, egal ob das Gegenüber als Muttersprache nun Tamil, Hokien oder Panjab spricht. An und für sich eine schöne Sache. Die Integrationsdebatte in Deutschland kommt mir immer mehr und mehr lächerlich vor, weil dort Minderheiten als Problem angesehen werden...


An dieser Stelle beende ich diesen Blogeintrag und bedanke mich fürs Lesen. Anbei einfach ein paar unkommentierte Impressionen aus meinem Alltag...
(durch klicken vergrößern)